Hauptfilm Die Frühgeschichte des Kinos (Titel)

Gesellschaftliche
Bedeutung der
ersten orts-
festen Kinos


Mit den wirtschaftlichen Verwertungsmöglichkeiten des Jahrmarkts, der geziel-

 
 
 
 



ten Massenproduktion, durch die das Filmhandwerk ablösende Filmindustrie und dem gemischteren Publikum, begann sich der fiktionale Film immer mehr durchzusetzen.
 

Neben den phantastischen Filmen waren es v.a. Humoresken, Naturaufnahmen und zunehmend auch Dramen, die gezeigt wurden, wobei die Vorstellungen meist aus mehr als zehn primitiven Filmen verschiedener Genres bestanden.(62)

Aufgrund der Industrialisierung, die einen steigenden Bedarf an Arbeitskräften und eine Landflucht auslöste, wuchs der Arbeiteranteil in den Städten beträchtlich.(63) Diese Entwicklung begünstigte die zunehmende Seßhaftigkeit der Kinos, die bis zum Ersten Weltkrieg vornehmlich aus den sozialen Unterschichten ihr neues Publikum rekrutierten.(64) Verstärkend kam die früher einsetzende finanzielle Selbständigkeit der Jüngeren hinzu, die dazu führte, daß sich die Freizeit immer mehr in der Öffentlichkeit abspielte.(65)

Das Kino stellte einen sozialen Raum außerhalb der täglichen Pflichten dar(66) und erlangte aufgrund der niedrigen Eintrittspreise, der Vielseitigkeit und der Vorteilhaftigkeit gegenüber dem zunehmend elitären Theater in Bezug auf Unterhaltung und Zerstreuung eine steigende Bedeutung.(67)

Literatur und Theater hatten deshalb zunehmend mit der neuen Konkurrenz zu kämpfen.(68) Es bat, als ein Ort, an dem ohne geistige Beanspruchung vielerlei Sensationen erlebt und kollektive Phantasiebedürfnisse befriedigt werden konnten, ein Gegengewicht zu der intensiven Arbeit, die eine reale Befriedigung dieser Bedürfnisse nur stark eingeschränkt ermöglichte.

Gleichzeitig war es aufgrund der höheren Löhne und der zunehmenden Freizeit überhaupt erst möglich, ein Kino zu besuchen.(69) "Das Kino zog Profit aus dem geheimen Verlangen des vergesellschafteten Menschen, sich den Folgen der technisch-industriellen Welt zu entziehen, obgleich das Vehikel der Flucht selbst ein Produkt dieser technischen Welt war."(70)

Dementsprechend bestimmten oftmals soziale Probleme die Themen der damaligen Filme, wobei meist Partei für die sozial Schwachen ergriffen wurde. Die dabei geübte Kritik blieb allerdings in der Regel an der Oberfläche, da sie nicht Ausdruck einer politischen Haltung, sondern eines marktwirtschaftlichen Kalküls waren.(71)

 
 
(62) vgl. Sidler (1982), S. 46-49; vgl. Toeplitz (1987), S. 39
(63) vgl. Bredow/Zurek (1975), S.11
(64) vgl. Kaes (1918), S. 4 f.; vgl.. Sidler (1982), s. 63; vgl. Altenich (1914), S. 44
(65) vgl. Altenloh (1914), S. 48 f.
(66) vgl. Harms (1940), S. 233
(67) vgl. Horvatitsch (1990), S. 34-36
(68) vgl. Altenloh (1914), S. 50-52; vgl. Winter (1942), S. 12
(69) vgl. Altenloh (1914), S. 47 f.; vgl. Bächlin (1911), S. 149
(70) s. Kaes (1918), S. 8
(71) vgl. Toeplitz (1987), S. 40
 
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