Hauptfilm Die Frühgeschichte des Kinos (Titel)

Reformbewegung
und Zensur-
forderungen in
Deutschland


Solange das Kino noch den Charakter einer Jahrmarktsensation hatte, blieb es weitgehend von Zensurforderungen verschont, obwohl bereits von Anfang an "Pikanterien" gezeigt

 
 
 
 


wurden und seit Beginn des 20. Jahrhunderts in bürgerlichen "Herrenzirkeln" sogar regelrechte pornografische Filme zur Vorführung kamen.(87)
 

Mit der wachsenden Verbreitung des neuen Massenmediums beschäftigten sich vor allem in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, etwa ab 1906 zahlreiche Vertreter des Bürgertums, wie Ärzte, Pädagogen oder Kirchenvertreter mit den Gefahren für ein ungebildetes Publikum, insbesondere durch die Suggestivwirkung der Filme.(88)

Sie unterstellten dabei einen vereinfachten Wirkungsansatz mit einem ohnmächtigen Publikum, der einem allmächtigen Film gegenübersteht.(89) Die "geistige Volksvergiftung großen Stils"(90) wurde u.a. für die "Trübung des Wirklichkeitssinns", die "verrohende Wirkung vom moralischen Standpunkt aus" und "die gefährliche sittliche Laxheit" vor allem von Jugendlichen verantwortlich gemacht.

Ausschlaggebend waren hierfür insbesondere die "ethischen Schundfilme", die Hellwig in geschmacklose, kriminelle und sexuelle unterteilte.(91) Daneben wurden auch körperliche Gefahren aufgrund der räumlichen Enge und der schlechten Projektionsqualität gesehen. Die Dunkelheit führe außerdem dazu, so wurde befürchtet, daß "(...) Sexual-Attentate auf Kinder und Frauen geradezu verführerisch bequem gemacht sind."(92)

Eine weitere Gefahr ergab sich aus den ästhetisch minderwertigen Filmen, die wegen ihrer realistischen Ausrichtung dem damaligen Kunstverständnis widersprachen.(93) Man war der Meinung, daß der Durchbruch des Massenartikels Film gleichbedeutend mit dem Niedergang der deutschen Kultur sei, da sich der Künstler und somit die Kunst der industriell-technischen Herstellungsweise unterordnen mußte.(94)

Das Ziel der ersten Reformbewegung war es, das neue Medium Film als Lehrund Bildungsmittel einzusetzen(95), was aber vor allem aus wirtschaftlichen Gründen wirkungslos blieb. Erst als sich im Ersten Weltkrieg der Film als geeignetes Propagandamittel erwies, wurde der Lehr- und Bildungsfilm staatlich unterstützt.(96)

Außerdem forderten die Reformer restriktive Maßnahmen, wie Besteuerung und staatliche Filmzensur. Die Einführung einer Vergnügungssteuer wurde realisiert, genügte aber erst ab 1923 mit der Einführung einer Differenzierung zwischen "schädlichen" und "wertvollen" Filmen den Anforderungen der Reformer.(97) Ab 1906 wurden in vielen Ortspolizeibehörden Zensurmaßnahmen durchgeführt, bei denen die Filme vor ihrem Einsatz in den Kinos den zuständigen Beamten im Polizeipräsidium vorgeführt werden mußten, bevor diese entschieden, ob der Film ganz oder teilweise oder nur für Jugendliche beanstandet wurde.(98)

Problematisch war in diesem Zusammenhang die unterschiedliche Auslegung der Bestimmungen durch die jeweils zuständigen Lokalbehörden. In den USA wurde die Polizeizensur 1907 eingeführt und es ergab sich eine ähnliche Situation durch die 49 verschiedenen Zensurregelungen in den einzelnen Staaten.(99) Erst gegen Ende des Ersten Weltkriegs wurde in Deutschland damit begonnen, einheitliche Regelungen zu treffen.(100)

 
 
(87) vgl. Werner (1990), S. 30-32, S. 38
(88) vgl. Lippert (1989), S. 16
(89) vgl. Horvatitsch (1990), S. 91
(90) s. Noack (1909), S. 54
(91) s. Hellwig (1911), S. 62 f.
(92) s. Noack (1913), S. 4
(93) vgl. Kaes (1978), S. 24
(94) vgl. Lippert (1989), S. 40
(95) vgl. Horvatitsch (1990), S. 46
(96) vgl. ebd., S. 57-60
(97) vgl. Lippert (1989), S. 87-90
(98) vgl. Griebel (1913), S. 67-70
(99) vgl. Sidler (1982), S. 62 f.
(100) vgl. Lippert (1989), S. 105
 
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