Hauptfilm Die Frühgeschichte des Kinos (Titel)

Lumière und
Meliès


Die ersten Filme der Gebrüder Lumière waren geprägt von der Vorstellung der Kinematographie als technische Verbesserung der Fotografie, ohne künstlerische Zukunft.(53)

 
 


Demzufolge traten die Filminhalte in ihrer Bedeutung gegenüber der Tatsache der Bewegtheit der Bilder zurück.(54)
 

In der Mehrzahl handelte es sich um Reportagen, sogenannte "Aktualitäten", die als Dokumentarfilme eine "harmlose Selbstbespiegelung"(55) der bürgerlichen Lebensweise vornahmen.

Das faszinierte Publikum erlebte Arbeiter beim Verlassen der Fabrik der Lumières in Lyon, das Einfahren eines Zuges in den Bahnhof, das Füttern des Babys der Lumières oder auch die erste Slapstick-Komödie "Der begossene Rasensprenger" (L'Arroseur arrosé), in der ein Junge auf dem Gartenschlauch eines Gärtners steht und erst den Fuß hebt, als der Gärtner nachschaut, weshalb kein Wasser mehr fließt.(56)

Der so erzielte Effekt führt zu einer handgreiflichen Bestrafung des Jungen, ein moralisches und erzieherisches Filmende, das bei den frühen Filmen sehr verbreitet war.(57)

 
 


L'Arroseur arrosé, Lumière, 1895
Quelle:
Musser (1990), S. 142

 
 

Das Publikum rekrutierte sich in dieser Phase mehrheitlich aus gehobenen bürgerlichen Kreisen, die ihre eigene Umwelt auf der Leinwand dargestellt sahen.(58)

Im Gegensatz dazu hatten die Filme von George Meliès, der den Unterhaltungswert des neuen Mediums als Fortsetzung des Illusionstheaters erkannte, durchaus ein gemischtes Publikum.(59) Meliès fand bald zu einem eigenen Stil, der geprägt war von phantastischen und skurrilen Elementen.

Als erster erkannte er die technischen und ästhetischen Möglichkeiten von Filmtricks.(60) Seine berühmtesten Filme "Die Reise zum Mond" (1902), der für die damalige Zeit die ungewöhnliche Länge von 16 Minuten hatte, und "Die Reise durch das Unmögliche" (1904) wurden durch Jules Verne und die im Rahmen der allgemeinen Industrialisierung vorherrschende Faszination der Technik inspiriert.

 
 


Le voyage à travers l'impossible (Die Reise durch das Unmögliche), Meliès, 1904
Quelle:
Fraenkel (1956), S. 231

 
 

Obwohl die Filme von Melies im Grunde genommen nur abgefilmtes Theater sind, gelten sie aufgrund der Inszenierung als erste Vertreter des fiktiven Films im Gegensatz zum Dokumentarismus der Lumières.(61)

 
 
(53) vgl. Toeplitz (1987), S. 17
(54) vgl. Zglinicki (1979), S. 308
(55) S. Sidler (1982), S. 24
(56) vgl. Gregor/Patalas (1982), S. 13
(57) vgl. Burch (1990), S. 222
(58) vgl. Sidler (1982), S. 22, S. 57
(59) vgl. Sidler (1982), S. 46
(60) vgl. Berqer (1986), S. 36
(61) vgl. Gregor/Patalas (1982), S. 14 f.; vgL. Sidler (1982), S. 26-39
 
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