Hauptfilm Die Frühgeschichte des Kinos (Titel)

Weiterentwick-
lung im ameri-
kanischen Film


Im amerikanischen Film läßt sich die Fortführung der filmsprachlichen Elemente durch verschiedene Regisseure weiterverfolgen. So wurde der Wechsel von Totale und Nahaufnahme zunehmend eingesetzt,

 
 
 


um Kausalbeziehungen zwischen den Einstellungen zu verdeutlichen und allein aus der Bildabfolge eine Erzählung entstehen zu lassen. Die Kameras wurde im Lauf der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts immer beweglicher.
 

Einerseits wurden verstärkt Kamerafahrten durchgeführt, was zu der Zeit noch einige technische Probleme bereitete. Andererseits wurden Schwenks zur Vergrößerung des Gesichtsfeldes der Kamera eingesetzt und in die Handlung integriert. Oftmals wurde die Simultaneität von Handlungen durch gleichzeitige Darstellung in mehreren Bildausschnitten ausgedrückt.(105) Auch die Technik der Parallelmontage wurde weiterentwickelt.

In "The Life of an American Fireman" (1903) von Edwin S. Porter, einer der ersten Versuche dokumentarische und inszenierte Szenen zu kombinieren, werden die filmischen Mittel genutzt, um eine dramatisch verdichtete, kontinuierliche Erzählung zu schaffen.(106) Mit "The Great Train Robbery" (1903), dem erfolgreichsten Film seiner Zeit, perfektionierte Porter seine literarische Erzählweise.

Aus einem Überfall auf ein Telegraphenbüro entwickelte er zwei Handlungsstränge, die auf mehreren Schauplätzen spielen und über häufige Szenenwechsel miteinander verknüpft sind. Einerseits sieht man den Eisenbahnraub und die Flucht der Banditen, andererseits die Befreiung des Telegraphisten und die Alarmierung der Polizei.

Am Schluß des Films werden die parallelen Handlungen beim Showdown wieder zusammengeführt.(107) Porter schuf mit diesen und vielen anderen Filmen zwischen 1902 und 1906 die Grundlagen für die realistische Filmerzählung, die nicht zuletzt wegen des kommerziellen Erfolges den späteren Hollywood-Film prägen sollten.(108)

David W. Griffith drehte von 1908 bis 1913 weit über 400 Kurzfilme und versuchte in dieser Zeit die Erzähltechniken seiner literarischen Vorbilder, allen voran Charles Dickens, auf die Filme zu übertragen.

Er entwickelte dabei die filmischen Möglichkeiten, durch die er spätestens mit seinen u. a. von den italienischen Ausstattungsdramen beeinflußten Monumentalfilmen "Birth of a Nation" (1915) und "Intolerance" (1916)(109) zum "Vater der Filmkunst"(110) wurde.

Der 3-Stunden-Film "Birth of a Nation", der das Schicksal zweier Familien im amerikanischen Bürgerkrieg darstellt, enthält nahezu alle bekannten filmkünstlerischen Ausdrucksmittel. Auch kommerziell war der Film ein gewaltiger Erfolg.(111) Inhaltlich betrachtet wurde dem Film allerdings Rassismus und Sympathie für den Ku-Klux-Klan vorgeworfen.

Als Reaktion darauf und aufgrund des unerwarteten Erfolgs von "Birth of a Nation" realisierte Griffith "Intolerance", einen Monumentalfilm gegen die Unterdrückung des Guten durch das Böse mit mehreren tausend Statisten und überdimensionalen Bauten. Es werden vier abgeschlossene Gedichte aus vier Epochen parallel erzählt, die zum Ende des Films in immer schnellerem Rhythmus bis hin zur dramatischen Schlußsequenz wechseln, eine häufig von Griffith eingesetzte Technik.(112) Der Film erwies sich aufgrund der immensen Produktionskasten und der komplizierten Erzählstruktur, die vom Publikum nicht verstanden wurde, als finanzielle Katastrophe.(113)

Unabhängig von der Kritik an der "(...) Beschränktheit seiner naivmoralischen Perspektive (...)"(114), die auch bei "Intolerance" nicht ausblieb, ist Griffith von großer Bedeutung für die Entwicklung der filmischen Gestaltungsmittel. U. a. setzte er verstärkt Großaufnahmen von den Gesichtern der Schauspieler ein, um deren Minenspiel voll nutzen zu können.(115) Gleichzeitig versuchte er deren übertriebene Gestik, das diese vom Theater gewöhnt waren, durch einen natürlichen Ausdruck zu ersetzen.(116)

Auch die sozialen Verhältnisse der dargestellten Personen sind vom Realismus geprägt. Im technischen Bereich setzte Griffith, z. B. durch Einführung eines neuen Beleuchtungssystems oder durch Verbesserung der Krantechnik, neue Maßstäbe.(117) Die größte Bedeutung hat Griffith aber durch seine Perfektionierung der Montage, z. B. durch die bereits erwähnte Parallelmontage zur dramatischen Beschleunigung der Bildfolgen auf die "Rettung in letzter Minute" hin (Beschleunigungsmontage).(118)

Im russischen Revolutionsfilm der 20er Jahre, v. a. bei Sergej M. Eisenstein, wurde diese Technik nochmals weiterentwickelt, weg von der erzählenden Funktion und hin zur metaphorischen Gegenüberstellung von Gegensätzen, um die Bedeutung der Bilder zu verstärken und somit das Publikum zu aktivieren (Attraktionsmontage).(119)

Aber bereits mit David W. Griffith fanden die grundlegenden gestalterischen Mittel "(...) zu der Vollkommenheit, die den Film als der Literatur ebenbürtiges Medium erscheinen lassen konnten."(120)

 
 
(105) vgl. Sidler (1982), S. 72-78
(106) vgl. Toeplitz (1981), S. 31 f.
(107) vgl. Sidler (1982), S. 86
(108) vgl. Gregor/Patalas (1982) , S. 26 f
(109) vgl. Greqor/Patalas (1982), S. 21-29
(110) s. Zglinicki (1979), S. 508
(111) vgl. ebd.
(112) vgl. Gregor/Patalas (1982), S. 31 f.
(113) vgl. Sidler (1982), S. 90
(114) s. Gregor/Patalas (1982), S. 32
(115) vgl. Toeplitz (1987), S. 85
(116) vgl. Gregor/Patalas (1982), S. 29
(117) vgl. Toeplitz (1987), S. 85
(118) vgl. Sidler (1982), S. 108
(119) vgl. Sidler (1982), S. 114-116
(120) s. Greqor/Patalas (1982), S. 2
 
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